Wolfgang Faubel
Migration
“Guten Tag!”
“Guten Tag, setzen Sie sich Bitte. Warum sind Sie hier?”
“Ich möchte mich Arbeitsuchend melden”.
“Name?”
“Wolfgang Faubel”.
Die Sachbearbeiterin tippt mit ihren bunten Krallen auf der Tastatur herum und ich bin mir sicher, sie gibt meinen Namen falsch ein.
“Waren Sie schon einmal hier?”
“Ja, im Januar.”
“Wissen Sie noch ihre Nummer?”
Jetzt wird von ihr die Maus zerkratzt.
Ich verneine.
“Haben Sie ihren Ausweis dabei”. Ich reiche ihn ihr über den Tisch in der Hoffnung ihn unzerkratzt zurück zu bekommen. “Ach mit F, warum haben Sie das nicht gleich gesagt!”. Die Tastatur bekommt ihren Unmut ab.
“Hier haben Sie, äh das müssen wir jetzt fragen bei so einem Namen. Haben Sie einen Migrationhintergrund.
“Ja, seit zweihundert Jahren” ein ungläubiger, erstaunter Blick mustert mich.
“Sie sind vor zweihundert Jahren hier eingewandert?”
“Nein ich nicht sondern mein Urgroßvater”.
“Ah und als was?”
“Als Kavallerist unter Napoleon”. Zwei der zehn Krummdolche mäletrieren auf der Tastatur. Fünf Buchstaben, zwei mal die Löschtaste. Dann bekommt die Maus ein paar neue Kratzer.
“Was hat er hier gemacht?”
“Naja, hoch zu Roß ins nächste Dorf. Unter den Männern für Aderlass gesorgt und bei den Frauen für Nachwuchs”.
Ich kann keine Gedanken lesen, aber das Gesicht sprach Bände. Der Computer hatte wohl auch keine Ahnung, weshalb sie aufsprang und ins Nebenzimmer stöckelte. Einige Wortfetzen von drei Leuten waren zu hören und dann war sie wieder da. Im Gefolge einer weiteren Sachbearbeiterin, mit unbewaffneten Händen aber mit reichlich Metall im Gesicht. Bestimmt eine gute Partie für einen Schrotthändler.
“Ach so, ihr Großvater war Kavallerist”.
“Richtig.”
“Dann sind sie aber doch jetzt Deutscher”.
Unschuldig dreht die metallene meinen Ausweis zwischen ihren Fingern.
“Also nach dem Bundespassgesetz habe ich den Ausweis bekommen weil die Annahme gerechtfertigt wäre, das wir jetzt Deutsche sind. Nur nach dem Beamtenreichsgesetz bin ich mir nicht sicher”. Metall und Dolche sehen verzweifelt zwischen Bildschirm und mir hin und her.
“Sie sprechen aber gut deutsch, äh lesen und schreiben auch?”
“Geht so”.
Metall beherrscht die Tastatur mit vier Fingern ohne Löschtaste.
“Soweit ich weiß sind französische Nachnamen in unserer Gegend sehr verbreitet, also wir klicken einfach mal deutscher an”.
Aufatmend entfleucht Metall und Kralle setzt sich wieder erleichtert hin.
“Haben Sie einen Beruf erlernt”,will sie wissen.
“Ja natürlich. Ich bin Bauschlossergeselle”.
Die Tastatur tut mir langsam leid.
“Bauschlosser gibt es im Computer nicht”.
Ich hole aus meiner Mappe die Kopie meines Gesellenbriefes und reiche ihn ihr. Alles wichtige steht auf der Vorderseite, auf der Rückseite leider nichts, schon gar nichts was man in den Computer einkratzen könnte.
Nach einigen verzweifelten Rechtschreibversuchen, wird Metall wieder bemüht. Doch sie kann dem Computer den Bauschlosser auch nicht schmackhaft machen.
“Wissen Sie Herr Faubel, den Beruf Bauschlosser ist im System nicht angelegt, vieleicht aber unter einer anderen Bezeichnung. Was machen Sie denn den ganzen Tag”.
“Ich bediene zur Zeit eine Abfüllmaschine für Nahrungsergänzungsmittel”.
“Maschinenbediener, das gibt es”.
Leider musste ich den Freudentaumel gleich wieder dämpfen.
“Das ist aber nicht mein Lehrberuf, ich habe Bauschlosser gelernt”.
Betretene Gesichter und die Mauskugel rollt langsam heiß.
“Was macht ein Bauschlosser eigentlich, Herr Faubel”?
“Man baut Fenster, Türen, Tore, Geländer und Zäune aus Metall und montiert sie auf der Baustelle”, gebe ich Auskunft.
“Ah, Metallbauer, das heißt jetzt Metallbauer, Herr Faubel, da steht es”.
Leider darf ich nicht auf den Bildschirm sehen, weshalb ich mir den Konter nicht verkneifen kann.
“Metallbauer lernen aber nicht schmieden. Ich mußte für mein Gesellenstück die Hälfte der Teile von Hand schmieden. Aber ich bin kein Schmied!”.
Gemein ich weiß, aber das Spiel wiederholt sich jedesmal. Die beiden bieten mir Maschinenschlosser, LKW-Schlosser, Betriebsschlosser und Instandsetzungsschlosser an, aber ich zucke nur mit den Schultern.
“Das streift alles nur mein Berufsfeld aber es trifft es leider nicht ganz.
Haben Sie jetzt keine Stelle für mich?”.
“Wir schauen noch mal nach. Warten Sie Bitte in der großen Halle. Der Herr Maier wird gleich frei sein und ruft Sie dann”. Mit großer Erleichterung erhalte ich Ausweis und Kopie von der metallenen zurück und bekomme von den Krummdolchen sogar die Tür aufgehalten.
Mit den Namen Maier, Müller, Hinterhuber würde die Sache nicht soviel Spaß machen.
(mfGenehmigung von Wolfgang Faubel aus ” Hartz bis Börde”