Maik Gerecke – Gottes Kunde (Auszug)

Maik Gerecke

Gottes Kunde

Behördengänge verschafften mir neuerdings immer so ein bestimmtes Gefühl … so, als würde ich mich in irgendeinem dystopischen Science-Fiction-Spielfilm befinden, den man sich ansieht, um sich die Zeit zu vertreiben.
Und um ein bisschen Abstand von der Realität zu gewinnen.
Am von hier aus sichtbaren Ende der Schlange ging man durch eine kleine, offenstehende Tür über der ein Schild mit der Aufschrift »Empfang« hing. Jenseits dieses Durchgangs ging es nun um eine Kurve und die Schlage knickte sich zu einem U, um hinter der Wand mit dem »Mittellosigkeit«-Schild in die entgegengesetze Richtung weiterzumarschieren. Jetzt konnte ich das jehe Ende dieser Warterei erblicken. Ein weiterer Sicherheitsmann stand am Kopf der Schlange. Immer wenn einer der Schalter frei wurde, wies er jemanden an, dort hinzugehen.
Schalter 12, bitte.
Dort an die 3.
Gehen Sie bitte an die 8.
Irgendwann war auch ich an der Reihe. Ich sah hinter dem Platzanweiser noch mehrere Sicherheitsmänner. Sie trugen alle Uniformen.
»Guten Tag«, begann ich und schaute dem Kerl an Schalter 21 in die Augen, »ich möchte gerne einen Arbeitslosengeld-II-Antrag stellen.«
Möchte …
»Bitte einmal den Personalausweis.«
Bitte legen Sie den Zeigefinger der rechten Hand auf die gläserne Fläche …
Ich zückte meinen Ausweis und legte ihn auf die kleine Ablage. Er griff nach ihm. Dann tippte er ein bisschen auf seiner Tastatur herum und schaute auf einen Bildschirm, den ich von hier nicht sah.
»Ziehen Sie dort hinten eine Nummer und nehmen Sie bitte im Wartebereich platz.« Er gab mir meinen Ausweis zurück und ich verzog mich in den Wartebereich. Einmal mehr in meinem Leben saß ich vor einer Anzeigetafel mit Nummern und Raumbezeichnungen darauf. Ich war nur vier Nummern vom Aufruf entfernt. Es würde nicht lange dauern.
Platz 9, sagte mir die Anzeige und ich setzte mich in Bewegung. Zunächst musste ich durch eine riesige Eisentür, die mich in einen Raum mit ungefähr zwanzig »Plätzen« führte. Ich setzte mich an die 9 und erläuterte mein Anliegen erneut. An Platz 10, der direkt neben der 9 war, wurde gerade eine junge Dame angelernt. Vielleicht Anfang Zwanzig. Ich sah ihr ins Gesicht. Kleine, ausdruckslose Augen, anständige, aber dennoch damenhafte Klamotten, gute Figur, gepflegtes Äußeres, eine Brille, eine ordentliche Frisur. Sie wirkte so abgeklärt und arangiert mit dieser Welt, fragte interessiert, jedoch selbstbewusst und bestimmt nach, wenn sie etwas nicht ganz verstanden hatte, lachte über die kleinen und ziemlich schlechten Witze ihrer Lehrmeisterin mit einem aufgesetzten Lachen, bei dem sich dieser steinerne Ausdruck in ihren Augen um keinen Deut veränderte, saß dort mit ihrer geraden Haltung und ihrem abgeschlossenen Lebensplan und lernte eifrig. Möglicherweise war sie eine von denen, die im Bett eine ziemliche Performance abliefern. Eine, die dort gewisse eigene Ansprüche geltend machte, aber dennoch Männergerecht war, was sie in ihrem Verständnis zu einer gar nicht so schlechten Partie machte. Partnerschaftlich, meine ich.
Sie würde es hier weit bringen.
»Haben sie einen Job?«, wurde ich gefragt.
Nein.
»Haben Sie einen eigenen Haushalt?«
Ja.
»Wovon haben Sie die letzte Zeit gelebt?«
Von meinen Ersparnissen.
»Haben Sie vermögen?«
Bei Gott – nein!
Am Nachbartisch nahm ein junger Kerl platz. Nicht sehr viel älter als ich. Er sah ziemlich studentisch aus. Das machte ich hauptsächlich an seinem unangetastet wirkenden, lächelnden Gesichtsausdruck fest. Er wollte genau so wie ich Arbeitslosengeld II beantragen.
»Siehst du«, sagte nun die Lehrmeisterin zu ihrer Schülerin am Nebentisch ohne den jungen Kerl neben mir anzusehen, »diesen jungen Mann müssen wir jetzt zur Arbeitsagentur in der Charlottenstraße schicken, weil er unter Fünfundzwanzig ist.«
Die Schülerin lachte artig ihr falsches Lachen.
»Das ist ihre Kundennummer«, sagte meine eigene Sachbearbeiterin nun zu mir, »dies hier die Nummer der Bedarfsgemeinschaft, die sich im Laufe ihres Lebens ändern kann. Ihre Kundennummer bleibt allerdings für immer dieselbe. Für den Rest ihres Lebens.«
Einmal mehr in meinem Leben war ich »Kunde«. Ich war schon ein Kunde meiner Bank. Zwangsweise – das heißt: unter Anordnung des Gesetzes – auch Kunde meiner Krankenkasse. Als letztes war ich Kunde der Universität gewesen. Die Ware: Bildung. Naja, eher »berufliche Qualifikationen«, »Zertifikate«, »Dinge, die man Arbeitgebern vorweisen konnte«. Der Markt, die Wirtschaft, sie knabberten genüsslich an allem, was sich staatlich nannte, bissen im Laufe der Zeit immer mal wieder ein Stückchen ab, verschluckten es. Vielleicht würden sie irgendwann – bei diesen so anständigen und unscheinbaren Tischmanieren – alles verschlungen haben und wir würden alle zu Kunden von allem werden.
Kunden des Lebens.
Kunden der Welt.
Nach einem deutschen Sprichwort ist der Kunde König. Das würde bedeuten, ich wäre dann der König der Welt. Jedenfalls einer von vielen. In einem Volk aus Königen. Herrgott, die Herrschaft eines Volkes aus lauter Königen. Die Herrschaft des Volkes. Wer hätte gedacht, dass die Demokratie es irgendwann einmal so weit bringen würde?

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(Textauszug aus “Gottes Kunde” von Maik Gerecke. Wie die Story endet erfahren Sie in dem neuen Buch zum Thema Hartz IV und BehördenTexte am Rande des Nervenzusammenbruchs / Mit freundlicher Genehmigung von Maik Gerecke, alle Rechte bei Maik Gerecke)